Lonely Hearts: Nachtgedanken eines Priesters

Manchmal überfährt mich dieser Moment. Eiskalt und urplötzlich. Gestern wurde ich wieder so geflasht und dann lässt es mich nicht mehr los. Lange hatte ich auf das Konzert gewartet: Sting. Der Altmeister.

Auf der Fahrt nach Mönchengladbach habe ich die CD schon lautstark im Auto mitgehört. Und gesungen, gegröhlt, ein Rausch. Wenn die Musik mich einfach wie eine Welle überrollt. Das Konzert war dann genau so. Er. Live auf der Bühne. Tolle Stimmung und geniale Atmosphäre. Und plötzlich kommt eines der Lieder von der Hinfahrt wieder, aber diesmal mit einem Zauber. Mit dem Hauch von Magie: Fields of Gold.

Der Flash paarte sich mit dem was vor mir geschah. Vor der Bühne rückten Menschen näher und nahmen sich in den Arm. Sie bewegten sich zur Musik, hielten sich, waren sich ganz nah. Unter dem sommerlichen Abendhimmel wurde es wahr – wie in Feldern aus Gold zu liegen.

Aber ich war nur allein – gefühlt. Keiner war da für den Arm, die Hand, die Nähe. Und jetzt, wie ich diese Zeilen im Bett schreibe und dem nachgehe, da fällt es mir schwer mit diesem Gott in eine Beziehung zu gehen und für diesen Tag zu danken. Weil er in dem Moment, bei genau diesem Lied nicht da war. Zumindest nicht für mich! Und es fällt mir schwer mich mit den Päarchen zu freuen, denn bei mir ist es gerade nur noch leer. Kein Abendhimmel mehr und keine haltende Hand. Und die Leere füllt sich mit der Sehnsucht des Liedes „You remember me when the westwind moves“, das in der Dauerschleife neben mir läuft. Wird es wahr?

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3 Kommentare

  1. s.

    Wow. Danke, dass du deine Eindrücke zum Lied im und nach dem Konzert hier geteilt hast. Das ist nicht selbstverständlich und ganz schön groß, dass du das tust. Über besonders einsame Momente in einer Lebensform, die Einsamkeit vorsieht, wird nicht viel gesprochen. Das berührt.

    Wenn ich darf, will ich daneben stellen, wie ich, als glücklich Verheiratete diesen Song empfinde. Nicht um deinen Eindruck klein zu reden oder zu relativieren. Sondern weil mir durch deinen Beitrag zu einem Lied, das ich ebenfalls sehr liebe, deutlich wird, wie unterschiedlich die Emotionen dazu sein können, selbst wenn man auf der gleichen Seite steht. Will sagen: Mein Mann und ich wären definitiv vor der Bühne nicht zusammengerückt. Warum? Er mag die Musik von Sting nicht übermäßig und verbindet mit dem Lied eher nichts, im Gegensatz zu mir. Für mich ist und bleibt “Fields of Gold” Lied eines Sommers als Studentin, als ich mit jemanden in Schottland unterwegs war. Das war unser Lied, unser Sommer, unser besonderer Urlaub. Und wenn uns nach Tagen zufuß beim Trampen noch mal wer mitnahm, lief zufällig was im Radio? Genau.
    So bin ich heute jeweils hin- und hergerissen, wenn ich das Lied höre. Ich liebe es immer noch, aber nicht mehr den Mann, mit dem ich vor langer Zeit die Liebe zum Lied geteilt habe. Irgendwie fühlt sich das komisch an. Weil manche Lieder einfach starke Emotionen bei mir auslösen. Ich höre es deswegen am liebsten allein. Und denk dabei manchmal an Schottland, manchmal aber auch über vollmundige Versprechen nach. Und wie kitschig diese Fields of Gold eigentlich sind. Und ob es nicht auch eine Nummer kleiner geht.
    Das wollte ich dir einfach gerne kurz erzählen.

    • Matthias

      Liebe s.!
      Danke für Deine Antwort!
      Das Lied ist ein Schatz und ich finde es grandios, was wir alles damit verbinden. Egal ob es Höhepunkte oder andere Erlebnisse sind. Bei mir kam dies aus dem Moment und es war der Eindruck einer Nacht, die mir unter die Haut gegangen ist.
      Danke, dass Du diese Gedanken mit mir geteilt hast.
      Hoffentlich habe ich damit hier nichts zu sehr aufgewühlt!

  2. Monika

    Danke für diesen Text! Ich kenn das Lied nicht, aber: Ja, Musik trifft uns manchmal ganz, ganz tief drinnen, in Zonen wo der Verstand aussetzt und vor allem das Gefühl dominiert. Dazu kommen dann Erinnerungen, und der Wunsch beides, das Gefühl und die Erinnerungen zu teilen… mit irgend jemandem. Vielleicht bräuchte man dann auch ganz dringend eine Schulter, zum Anlehnen, ein Hemd oder eine Bluse, in die man ein paar Tränen der Freude oder der Wehmut weinen könnte…. Wenn das ausgerechnet dann passiert, wenn man unter vielen, vielen Menschen allein ist, dann ist das …. ja was? Traurig… schmerzlich… bitter… Wie auch immer, man spürt Leere, Nichts, Schwärze, ein Loch, einen Abgrund in den man fällt… und Gott… ? Fängt er uns auf und trägt er uns, sodass wir deshalb nur eine Spur im Sand sehen… Oder ist Gott für derlei eben einfach nicht der richtige Ansprechpartner… hat ja kein Hemd oder keine Bluse, in die man seine Tränen weinen könnte… Das ist jetzt zwar kein Trost, ich weiß: aber nicht nur Priester haben damit zu kämpfen… Die Einsamkeit ist eine sehr weit verbreitete Sache…