Tür­elü­re-Liß­je — zeh­rend demo­kra­tisch

von Jonas Zechner

Tür­elü­re-Liß­je — zeh­rend demo­kra­tisch

von Jonas Zechner

Hin­weis: Die­ser Text ist im Rah­men der Dis­kus­si­on um den Rück­bau des “Tür­elü­re-Liß­je-Brun­nens” in Aachen ent­stan­den. Es emp­fiehlt sich den Text “Fearless Girl” vor­her zu lesen.

Ich schlie­ße mein Fahr­rad vor der Nadel­fa­brik an.
Kurz vor 17:00 Uhr.
Ein­mal tief durch­at­men.

Im Saal sind die meis­ten Par­tei­ver­tre­tun­gen bereits da.
Fast alle Stüh­le für Zuhö­ren­de besetzt.
Eini­ge ste­hen an den Wän­den.

Der WDR ist mit Kame­ras anwe­send.
Allein das ver­än­dert schon die Tem­pe­ra­tur im Raum.

Ich wür­de lügen, wenn ich sagen wür­de, dass ich mich wohl­füh­le.
Es liegt Span­nung in der Luft.
Nicht laut.
Aber deut­lich.

Der Ober­bür­ger­meis­ter ver­spä­tet sich.
Zunächst wer­den ande­re Bür­ger­ein­ga­ben behan­delt.
Fahr­rad­we­ge.
Ver­kehrs­be­ru­hi­gung.

All­tag.
Sach­lich.
Unauf­ge­regt.

Antrag­stel­len­de füh­ren ein, die Ver­wal­tung ergänzt, ein paar Rück­fra­gen.
Demo­kra­tie in ihrer nüch­ter­nen Form.

Dann kommt er dazu.
Bevor das strit­ti­ge The­ma eröff­net wird, mahnt der Ober­bür­ger­meis­ter zu Fair­ness und Beson­nen­heit.
Zum guten demo­kra­ti­schen Mit­ein­an­der.

Es klingt fast wie eine Vor­ah­nung.

Die Antrag­stel­le­rin erhält das Wort.
Sie berich­tet von ande­ren Brun­nen, die ohne Dis­kus­si­on abge­baut wur­den.
Weist dar­auf hin, dass unser Brun­nen durch die geplan­te Hebung der Pau ohne­hin zunächst wei­chen muss.
Und stellt die Fra­ge:
Ist eine erneu­te Errich­tung wirk­lich das rich­ti­ge Zei­chen?

Noch bevor sie endet, stei­gen die Emo­tio­nen.
Ärger.
Unver­ständ­nis.
Hohn.
Spott.

Es fol­gen hef­ti­ge Gegen­re­den.
Man­che klug.
Man­che laut.
Eini­ge nach­denk­li­che Erwi­de­run­gen.
Sogar ein paar Kom­pro­miss­vor­schlä­ge.

Ich betei­li­ge mich mit einem Wort­bei­trag.
Ver­su­che, die Span­nung zu benen­nen.
Die Ambi­va­lenz aus­zu­hal­ten.

Ich ver­las­se den Raum, bevor alles zu Ende ist.
Mit einem Druck auf der Brust.

Demo­kra­tie lebt vom Streit.
Aber sie zehrt auch.

Beson­ders dann,
wenn nicht das Rin­gen um die bes­te Lösung im Vor­der­grund steht,
son­dern das Gewin­nen gegen die ande­ren.

Auf dem Heim­weg den­ke ich wie­der an die Wor­te aus mei­nem ers­ten Text:

„Gro­ßes hat er an mir getan …
Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht …
Er voll­bringt mit sei­nem Arm macht­vol­le Taten.“

Erbar­men.

Das könn­te die­se zer­strit­te­ne Gesell­schaft gut gebrau­chen.

Zusam­men­füh­ren,
wo kei­ne gemein­sa­me Ebe­ne erkenn­bar scheint

das wäre tat­säch­lich
eine macht­vol­le Tat.

Foto: R. Lon­do