Schmetterling

Ich gehe selten zum Grab meines Vaters. Das letzte Mal ist sicher über zwei Jahre her. Mein Vater ruht am Ende eines Weges in einem Urnengrab. Direkt daneben eine Hecke, vor der auch eine Bank steht. Es war ein Sommertag und entschloss mich zu einem spontanen Besuch. Schon von weitem hatte ich den alten Mann gesehen, der da an einem Grab stand. Beim Näherkommen war klar, dass ich an ihm vorbei muss. Und ich nahm wahr, dass sein Weinen ihn körperlich schüttelte.

Ich weiß nicht, was über mich kam, ich blieb bei ihm stehen, wand mich dem Grab zu, vor dem er stand. Es war wohl das Grab seiner Frau, Die üblichen Lebensdaten und als Dekor ein Schmetterling.  Ich verharrte einige Augenblicke, legte dem Mann dann die Hand auf die Schulter und sagte nur kurz:“alles wird gut.“ Ich nickte ihm zu und ging die paar Schritte und setzte mich auf die Bank bei meinem Vater. Etwas ärgerte ich mich über mich selbst. Im Nachhinein empfand ich mich selbst als übergriffig. Der Mann verharrte noch etwas. Er ging schließlich mit einem Nicken und einem leisen: „Danke!“

Ich blieb sitzen, genoß die Ruhe und die Sonne auf meinem Gesicht. Die Vögel zwitscherten, eine Amsel hüpfte herum. Die Natur war an diesem frühsommerlichen Tag im Aufbruch. Auf einmal sah ich den ersten Schmetterling des Jahres. Wie Schmetterlinge so sind, scheinbar ziellos bewegte er sich durch die Luft. Ich folgte ihm mit meinem Blick. Als er sich zum ersten Mal irgendwo niederließ, tat er es auf dem fremden Grabstein, vor dem ich eben stand. Auf dem Grabstein mit dem eingravierten Schmetterling.

Photo by Jill Dimond/Unsplash

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