Hoodie-akon
von Michael Bredohl
Hoodie-akon
von Michael Bredohl
Manchmal bekommt man Namen, die auf keiner Visitenkarte stehen.
Offiziell bin ich Diakon. Das steht in Urkunden, Dienstplänen und E‑Mail-Signaturen. Diakon klingt nach Kirche, Altar, Evangelium, Segen – manchmal vielleicht auch ein bisschen nach Sonntagsordnung.
Aber im Alltag entstehen andere Namen.
Schüler:innen haben mich schon „Kirchenmann“ genannt.
An einer Förderschule wurde ich zum „Bibelmann“.
Und von Jugendlichen kam irgendwann: „Hoodie-akon“.
Ich musste lachen.
Und ich gebe zu: Ich mag diesen Namen. Vielleicht, weil er etwas trifft, das ich selbst gar nicht besser hätte sagen können. Irgendwo zwischen Hoodie und Stola, zwischen Schulhof und Altar, zwischen Pausenhalle und Friedhof findet mein Dienst tatsächlich statt.
Nicht nur im Kirchenraum. Nicht nur dort, wo alles vorbereitet ist und die Kerzen schon brennen. Sondern auch da, wo jemand im Vorbeigehen fragt:
„Darf man als Diakon eigentlich zocken?“
„Glauben Sie das wirklich?“
Oder einfach:
„Kann ich mal kurz mit Ihnen reden?“
Dieses „kurz“ ist meistens alles andere als kurz.
Manchmal geht es um Streit. Manchmal um Angst. Um Familie. Schule. Tod. Schuld. Zukunft. Und manchmal geht es erstmal nur darum, dass jemand merkt: Da ist einer, der hört zu.
Ich glaube, Diakonsein beginnt genau dort.
Nicht bei der perfekten Antwort. Nicht bei der passenden frommen Formulierung. Nicht bei dem Versuch, in jeder Situation sofort Gott zu erklären.
Sondern beim Dableiben.
Ich arbeite in einem Viertel, in dem vieles gleichzeitig da ist: verschiedene Sprachen, Religionen, Geschichten, Lebenslagen. Kinder und Jugendliche, die viel tragen. Familien, die kämpfen. Menschen, die mit Kirche wenig anfangen können – und trotzdem ziemlich genau spüren, ob jemand ehrlich ist.
Da hilft keine kirchliche Rolle, wenn sie nicht glaubwürdig gefüllt wird.
Ein Titel ersetzt keine Zeit.
Ein Amt ersetzt keine Beziehung.
Ein Kreuz ersetzt kein offenes Ohr.
Und das ist für mich eine heilsame Erinnerung: Ich bin nicht automatisch glaubwürdig, weil Kirche auf meinem Namensschild steht. Glaubwürdig wird es dort, wo Menschen erfahren: Der meint es ernst. Der hält auch mal etwas aus. Der hört nicht nur zu, um gleich eine Antwort abzufeuern.
Das ist oft unspektakulär.
Ein Gespräch auf dem Schulflur.
Ein Blick, der sagt: Ich habe gesehen, dass es dir gerade nicht gut geht.
Eine Kerze in der Grabeskirche.
Ein Satz nach dem Gottesdienst.
Ein Lachen mit Jugendlichen über einen Namen, der eigentlich gar nicht geplant war.
Hoodie-akon.
Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger ist das nur ein Witz.
Denn dieser Name verbindet etwas, das oft getrennt wirkt: Kirche und Alltag. Amt und Ansprechbarkeit. Evangelium und Pausenbrot. Sakristei und Schulhof.
Mir ist Liturgie wichtig. Mir sind Zeichen wichtig. Mir ist das Evangelium wichtig. Ich glaube nicht, dass Kirche einfach nur „nett“ sein muss. Aber ich glaube: Wenn das Evangelium nicht im Alltag ankommt, dann haben wir etwas nicht verstanden.
Jesus war schließlich auch nicht nur im Tempel unterwegs.
Er war auf Straßen. An Tischen. In Häusern. Bei Kranken. Bei Trauernden. Bei Suchenden. Bei Menschen, die andere längst abgeschrieben hatten.
Er hat Menschen nicht zuerst sortiert. Er hat sie gesehen. Das ist der Kern:
Sehen.
Den Schüler, der laut ist, aber eigentlich Angst hat.
Die Jugendliche, die cool tut, aber eine echte Frage stellt.
Den alten Menschen, der in der Kirche sitzt und jemanden vermisst.
Das Kind, das wissen will, ob Gott auch dann noch da ist, wenn jemand stirbt.
Und manchmal sehe ich darin auch mich selbst.
Nicht als fertigen Kirchenmenschen. Sondern als einen, der selbst unterwegs ist. Der glaubt, zweifelt, lacht, müde wird, wieder aufsteht und hofft, dass Gott auch in all dem mitgeht.
Vielleicht rauscht Gott genau dort.
Nicht immer laut. Nicht immer eindeutig. Nicht immer so, dass man sofort sagen könnte: Das war jetzt heilig.
Aber manchmal liegt in einem Spitznamen mehr Wahrheit als in langen Erklärungen.
Kirchenmann.
Bibelmann.
Hoodie-akon.
Ein bisschen schief. Ein bisschen liebevoll. Ein bisschen Schulhof und Sakristei zugleich.
Und vielleicht gar nicht so falsch.
Denn wenn Gott Mensch geworden ist, dann ist ihm unser Alltag offenbar nicht zu gewöhnlich.
Dann kann er auch dort auftauchen, wo es nach Pausenbrot riecht. Wo jemand auf dem Flur weint. Wo Jugendliche Witze machen. Wo eine Kerze brennt. Wo jemand fragt: „Sind Sie eigentlich wirklich Diakon?“
Ja.
Bin ich.
Manchmal mit Albe.
Manchmal mit Stola.
Und manchmal eben mit Hoodie.