Herzlich willkommen
von Ulrike Purrer Guardado
Herzlich willkommen
von Ulrike Purrer Guardado
Nach vielen Jahren im Ausland bin ich kürzlich nach Deutschland zurückgekehrt. Im Grunde sehr vertraut und doch auch etwas irritiert stand ich gleich in den ersten Tagen plötzlich ganz allein in einer U‑Bahn-Station. Nur jemand vom Reinigungspersonal war zu sehen, sonst keine Menschenseele. Es war mitten am Tag, aber die Linie 17 schien aus irgendeinem Grund nicht zu fahren, und ich wusste nicht so recht weiter.
Da kam der Mann in seiner leuchtend orangenen Arbeitsweste, mit Wischmopp und Eimer ausgestattet, auch schon auf mich zu. Ja, die U‑Bahn würde heute ausfallen, aber er könne mir gern erklären, wie ich mit Bus und Straßenbahn ans Ziel käme. Seine dunkelbraunen Augen strahlten mich an, als wenn er nichts lieber täte, als orientierungslosen Fahrgästen den Weg zu zeigen.
Während uns die Rolltreppe wieder ans Tageslicht hinaufbeförderte, fragte er mich mit leichtem Akzent und tiefer Stimme, ob ich nicht von hier sei. Nein, ich hätte lange im Ausland gelebt und müsse mich erst wieder zurechtfinden. Und da kam auch schon der Bus um die Ecke. Statt mir mühsam die Ersatzroute zu erklären, stieg er einfach mit mir ein, ganz ohne Eile oder Groll über die ausgefallene U‑Bahn. Wie angenehm, dachte ich.
Im Bus setzten wir uns ganz selbstverständlich nebeneinander. Er sei ja auch nicht hier geboren, sondern vor 31 Jahren aus der Türkei hergekommen und lebe damit nun schon etwas länger hier als dort. Ich mochte den Mann, dessen kräftige Hände noch immer Wischmopp und Eimer hielten und von jahrzehntelanger Arbeit zeugten.
An der nächsten Haltestelle stiegen wir aus. Er brachte mich noch bis zu meiner Straßenbahn, erklärte mir die digitale Anzeige und wo ich aussteigen müsste, und dann verabschiedete er sich ebenso freundlich und unaufdringlich, wie er gekommen war: „Herzlich willkommen in unserer schönen Stadt“, sagte er, „und noch eine gute Fahrt!“
Foto: Sinitta Leunen on Pexels