Eine beson­de­re Begeg­nung

von Anita Maibaum

Eine beson­de­re Begeg­nung

von Anita Maibaum

Seit Bekannt­wer­den des Coro­na-Aus­bruchs im Kreis Heins­berg am Mitt­woch nach Kar­ne­val, müs­sen wir inzwi­schen in ganz Deutsch­land mit immer mehr Ein­schrän­kun­gen im All­tags­le­ben zurecht­kom­men. „Am Ascher­mitt­woch ist alles vor­bei“, heißt es in einem Kar­ne­vals­hit. Dass die­se Lied­stel­le ein­mal eine der­ar­tig star­ke Bedeu­tung erhält, hät­te wohl nie­mand zuvor gedacht. Um die explo­si­ons­ar­ti­ge Ver­brei­tung der Krank­heit ein­zu­däm­men, sind seit Diens­tag, 17.03. neben Kin­der­gär­ten und Schu­len jetzt auch alle Geschäf­te geschlos­sen, außer Lebens­mit­tel­lä­den, Bau­märk­te und Gar­ten­cen­ter. Fri­seu­re, Gas­tro­no­mie und wei­te­re Gewer­be fol­gen. Das macht sich natür­lich auf den Stra­ßen bemerk­bar. Auf der Auto­bahn ist es ruhi­ger als zu Feri­en­zei­ten und bis auf eini­ge weni­ge PKW´s sind nur noch LKW´s unter­wegs, die uns wei­ter­hin mit all­täg­li­chen Waren ver­sor­gen. Anstatt mich über die nahe­zu freie Fahrt auf der Über­hol­spur zu freu­en, fah­re ich mit einem beklem­men­den Gefühl zu mei­ner Arbeits­stät­te und mir wird ganz unheim­lich zumu­te, als ich mit mei­nem Wagen mit HS-Kenn­zei­chen von aus­wär­ti­gen LKW-Fah­rern ange­hupt wer­de.

Schließ­lich bin ich heil­froh, dass ich ab heu­te, Diens­tag den 24.03. im Home­of­fice arbei­ten kann. Ein wei­te­rer Licht­blick ist das herr­li­che Wet­ter, das uns schon seit Wochen beglei­tet. In einer Zeit, in der sämt­li­che offi­zi­el­len Sport- und Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten abge­sagt sind, ist so zumin­dest Bewe­gung an der fri­schen Luft mög­lich. Dies natür­lich vor allem allei­ne, immer unter Ein­hal­tung der Abstands­re­geln zu ande­ren Men­schen und mit meh­re­ren Per­so­nen nur dann, wenn sie gemein­sam in einem Haus­halt leben. Daher beschlie­ße ich heu­te, mei­ne Arbeits­zeit nach hin­ten zu ver­le­gen und vor­her noch eine Run­de um die nahe gele­ge­ne Burg Trips zu jog­gen. Ich lau­fe los und schon nach weni­gen Minu­ten tau­che ich in die Idyl­le ab, die mir die Natur bie­tet. Jun­ge Läm­mer wer­den von ihren Mut­ter­scha­fen auf der Wie­se gesäugt und Enten zie­hen mit ihren Küken ihre Bahn übers Was­ser. Ich stel­le mir vor, wel­che Freu­de mei­ne Mut­ter hät­te, wenn sie jetzt hier ent­lang spa­zie­ren könn­te. Zumal sie gleich in der Nähe auf­ge­wach­sen ist! Mei­ne Mut­ter stammt aus einer Gene­ra­ti­on, in der ein Füh­rer­schein nicht selbst­ver­ständ­lich war. Sie ist daher nicht so mobil. Seit mein Vater ver­stor­ben ist, lebt sie allei­ne. Durch die Coro­na-Ein­schrän­kun­gen hat sie schon seit eini­ger Zeit kei­nen Kon­takt zu ihren Freun­din­nen, vom Hei­mat­ver­ein und auch sonst fin­den kei­ne Ver­an­stal­tun­gen statt und wir als Kin­der schrän­ken auch den Kon­takt zu ihr ein, um sie vor einer mög­li­chen Anste­ckung zu schüt­zen.

Das alles führt zu einer immer schlech­ter wer­den­den Stim­mung, die ich in regel­mä­ßi­gen Tele­fo­na­ten bei mei­ner Mut­ter fest­stel­le. Einer spon­ta­nen Idee fol­gend, blei­be ich abrupt ste­hen, neh­me das Han­dy aus mei­ner Sport­wes­te und rufe mei­ne Mut­ter an: “Bist du schon auf? Ansons­ten mache dich bit­te fer­tig, zieh dich warm an und nimm die Wal­king­stö­cke mit. Ich kom­me dich gleich abho­len und dann gehen wir eine Run­de um Burg Trips. Aber du müss­test dich dann wohl bit­te hin­ten im Auto set­zen, wegen des Abstands!“

Ich kom­me mir schon ziem­lich bescheu­ert vor, mei­ne Mut­ter auf den Rück­sitz zu ver­frach­ten. Aber es sind halt ver­rück­te Zei­ten im Moment und ich habe sowie­so schon das Gefühl, etwas Ver­bo­te­nes zu tun, wenn ich mei­ne Mut­ter abho­le, mit ihr gemein­sam im Auto fah­re und spa­zie­ren gehe, da wir ja aus 2 ver­schie­de­nen Haus­hal­ten kom­men. Umso erleich­ter­ter bin ich, als Mama erwi­dert: “Ach, das ist ja eine tol­le Idee, ich zieh mich sofort um und das mit dem Rück­sitz ist mir ganz egal, Haupt­sa­che ich kom­me mal wo anders hin.“

Wenig spä­ter gehen wir unse­re Run­de bei auf­stei­gen­der Son­ne und Vogel­ge­zwit­scher in den lang­sam erwa­chen­den Tag hin­ein. Um den vor­ge­schrie­be­nen Abstand ein­zu­hal­ten, gehe ich vor­an, gefolgt von mei­ner Mut­ter, ein paar Meter hin­ter mir. So kommt es dann auch, dass ich fast am Ende unse­res Spa­zier­gangs als Ers­te eine im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes schil­lern­de Ent­de­ckung mache. Links neben dem Weg befin­det sich hier stil­les Gewäs­ser, das die Burg umgibt, gesäumt von alten Eichen und Kas­ta­ni­en, deren Äste über das Was­ser ragen. Plötz­lich zieht mich etwas schil­lernd Leuch­ten­des im Schat­ten der Bäu­me, ange­strahlt von der durch­schei­nen­den Son­ne, in den Bann. Eine herr­li­che
Farb­kom­bi­na­ti­on, die in der Natur ihres Glei­chen sucht, lässt mich andäch­tig erstar­ren. Ich lege mei­nen rech­ten Zei­ge­fin­ger auf die Lip­pen, damit auch mei­ne Mut­ter ste­hen bleibt. Ich ken­ne die­se Far­ben, die­ses Tier von Fotos her: Es ist der Eis­vo­gel mit sei­nem unglaub­lich kobalt­blau­en Gefie­der und der oran­ge­far­be­nen Brust, die noch viel schö­ner erscheint, wenn sie, wie jetzt, von der Son­ne ange­strahlt wird. Nicht lan­ge, nur ein paar kur­ze Momen­te kann ich ihn beob­ach­ten, die­sen zier­li­chen, scheu­en Vogel, der hier über dem Was­ser links vor mir von einem Ast zum nächs­ten hüpft. Jetzt hat auch mei­ne Mut­ter ihn erspäht und schon ist er wei­ter­ge­flo­gen.

Seit mei­ner Kind­heit ist der wun­der­schön far­ben­fro­he Eis­vo­gel mein Lieb­lings­tier. Und wer mag es mir ver­den­ken, dass ich nicht an einen Zufall glau­be, ihn aus­ge­rech­net wäh­rend die­ses spe­zi­el­len Spa­zier­gangs zum ers­ten Mal in Natu­ra sehen zu dür­fen. Mit dem beseel­ten Gefühl, alles rich­tig gemacht zu haben, gehen wir lang­sam wei­ter.

Foto: Sha­rath G./pexels