Brat­würs­te und Kar­tof­fel­sa­lat

von Raphael Schlecht

Brat­würs­te und Kar­tof­fel­sa­lat

von Raphael Schlecht

Als Mess­die­ner habe ich immer beson­ders ger­ne auf Beer­di­gun­gen gedient. Wir waren so ein
katho­li­sches Nest, bei uns ist man lan­ge Zeit noch nach der Beer­di­gungs­mes­se von der Kir­che in
einer klei­nen Pro­zes­si­on zum nahe­ge­le­ge­nen Dorf­fried­hof gezo­gen. Ein Mess­die­ner hat dabei
immer die Pro­zes­si­on ange­führt – mit so einem gro­ßen schwar­zen Kreuz, auf des­sen einer Sei­te
ein Toten­kopf gemalt war. Die ande­ren Mess­die­ner sind mit­samt dem qual­men­den Weih­rauch
mit dem Pfar­rer in des­sen Kar­re zum Fried­hof gefah­ren. Sie nah­men das Papa­mo­bil, wie wir zu
sagen pfleg­ten. Auf dem Fried­hof fand dann die Bei­set­zung statt. Am Ende bekam man für das
Die­nen bei einer Beer­di­gung zwei Euro und wenn man Glück hat­te, wur­de man von den
Ange­hö­ri­gen noch zum soge­nann­ten „Lei­chen­schmaus“ in den Dorf­gast­hof ein­ge­la­den. Dort
gab es dann meist noch Brat­wurst mit Kar­tof­fel­sa­lat.

Ich hät­te aber auch gedient, wenn es kei­ne zwei Euro und kei­ne Brat­wurst gege­ben hät­te.: Eine
Beer­di­gung war für mich als Kind ein­fach ein span­nen­des Ereig­nis. Da war viel los und auch
unse­re Auf­ga­ben als Mess­die­ne­rin­nen gestal­te­ten sich viel­fäl­ti­ger als bei der Sonn­tags­mes­se.
Zum ande­ren hat­te ich aber auch das Gefühl, dass unser Job hier beson­ders wich­tig war. Auf
uns „Minis“ kam es an, wir reprä­sen­tier­ten bei Beer­di­gun­gen die Kir­che in einem
ent­schei­den­den und heik­len Moment. Auf dem Fried­hof ging es um Leben und Tod, das spür­ten
wir. Hier durf­te auf kei­nen Fall geki­chert wer­den, da woll­te man auch nicht sei­nen Ein­satz
ver­schla­fen — hier soll­te alles mög­lichst rei­bungs­los ablau­fen.

Und ohne uns hät­te immer­hin etwas Ent­schei­den­des gefehlt: Ohne uns hät­te es wäh­rend der
Mes­se kei­ne Leuch­ter gege­ben, kei­ner hät­te im ent­schei­den­den Moment geklin­gelt. Auch die
Pro­zes­si­on wäre aus­ge­fal­len, vom Weih­rauch ganz zu schwei­gen. Wir Mess­die­ne­rin­nen und
Mess­die­ner ermög­lich­ten, dass bei einer Beer­di­gung noch ein letz­tes Mal alle katho­li­schen
Regis­ter gezo­gen wur­den, die dabei hal­fen, den Ange­hö­ri­gen einen schö­nen Abschied von
ihrem, ihrer Liebs­ten zu berei­ten. Ich trug manch­mal sogar das pro­vi­so­ri­sche Holz­kreuz der
Ver­stor­be­nen mit Namen, Geburts- und Ster­be­da­ten dar­auf. Eigent­lich mach­ten das zumeist die
Enke­lin­nen und Enkel der Ver­stor­be­nen, aber wenn kei­ne da waren oder die­se nicht woll­ten,
frag­te man immer uns. Dann ging es vor dem Sarg her den „letz­ten Gang“ von der Fried­hofs­hal­le
zum Grab. Da lief ich dann nicht irgend­wie oder schlurf­te über den Boden, son­dern nahm ganz
auto­ma­tisch Hal­tung an. Schließ­lich trat ich dabei ein­mal mehr in einen sehr pri­va­ten Bereich
ein. Ich war da auf ein­mal dem Ver­stor­be­nen und auch den trau­ern­den Ange­hö­ri­gen sehr nahe.
Auch wenn ich teil­wei­se die Leu­te gar nicht rich­tig kann­te — uns ver­band in die­sem Moment
etwas.

Die­se Nähe spür­te ich auch, als ich in mei­ner Aus­bil­dung zum Pas­to­ral­re­fe­ren­ten das ers­te Mal
einer Bei­set­zung auf dem Fried­hof vor­stand. Eine Mes­se hat­te es davor nicht gege­ben. Folg­lich
auch kei­ne Pro­zes­si­on und Mess­die­ner waren auch kei­ne betei­ligt. Aber auch die­ses Mal ging es
um Leben und Tod, dar­um den rich­ti­gen Ton zu tref­fen und den Ange­hö­ri­gen einen schö­nen
Abschied von ihrem Liebs­ten zu berei­ten. Wie damals auf unse­rem Dorf­fried­hof hat­te ich das
Gefühl, dass mein Job hier beson­ders wich­tig war. Ich kann­te den Ver­stor­be­nen zwar nicht,
hat­te ihn nie erlebt und doch erzähl­te ich von ihm, schüt­te­te Erde über sei­nen Sarg und seg­ne­te
ihn. Ihm und sei­nen Ange­hö­ri­gen war ich in die­sem Moment sehr nah, uns ver­band etwas.

Es ging dann auch alles gut. Es war anders, als ich es kann­te, aber es war fei­er­lich und es war
wich­tig. Nach­dem ich wie­der zu Hau­se ange­kom­men war mach­te ich mir trotz­dem erst­mal
Brat­würs­te, die vega­ne Vari­an­te, Brat­würs­te und Kar­tof­fel­sa­lat.

Bild: Syl­vio Krü­ger in Pfarrbriefservice.de [/foto]