An die Johannisbeere!
von Birgit Grömping
An die Johannisbeere!
von Birgit Grömping
- Eine Kindheitserinnerung und Hommage —
Zugegeben, vielleicht wärst Du mir nicht als erstes eingefallen, wenn ich an meine Kindheit denke. Aber als Du im Lied von Reinhard Mey auftauchtest, hatte ich dich direkt vor Augen, Deinen Geschmack auf der Zunge und ganz viele Bilder, die sich mit Dir im Kopf verbinden.
Es fängt damit an, dass ich Mama auf ihrem Hocker zwischen den Johannisbeersträuchern im Garten sitzen sehe. Im ärmellosen Top, Gartenhose und Gartenschuhe, die Dauerwelle noch nicht „gestylt“. Denn es ist früher Morgen, noch nicht zu heiß und die Mücken im Bachtal sind noch nicht ganz so aggressiv. Trotzdem verbinde ich mit Deiner Ernte strahlende Sonne, Wärme und Schweiß auf der Haut. Der Garten duftet nach Grün und Du leuchtest in üppigen Rispen prall und prächtig an Deinen Büschen. Mama erklärt genau, wie Du sorgfältig und behutsam von den Zweigen gedreht werden musst und das wir nur die dicksten und prallsten Früchte ernten sollen.
Zwei Eimer stehen bereit, die sich rasch füllen mit Deinem leuchtenden, glänzenden Rot. Zwischendurch immer wieder ganze Rispen mit dem Mund abziehen und direkt an Ort und Stelle verzehren. Dein herb-süßer, manchmal saurer Geschmack zeigt sich insbesondere bei meinen Geschwistern in den zur Grimasse verzogenen Gesichtern. Zu hören sind nur die summenden Insekten, Vogelgezwitscher in den Obstbäumen ringsherum und das leise Murmeln des nahen Baches. Alle sind in die Arbeit vertieft, bis die Eimer voll sind. Am Fahrradlenker meiner Mutter wirst Du behutsam nach Hause transportiert, gewaschen und mit Gabeln von den Rispen gestreift.
Deutlich habe ich auch das Bild der großen Glasschüssel vor Augen, in der Du mit Zucker vermischt wirst. Die weißen Kristalle hängen an Dir und verfärben sich rosa bis sie mit Deinem Saft zu leckerem Sud verschmelzen. Den mögen alle am liebsten, wenn Du als Nachtisch, kalt mit Vanillesoße, Vanilleeis oder Joghurt auf den Familientisch kommst.
Viel mehr als der der Erdbeeren oder Himbeeren ist Dein Geschmack für mich bis heute mit dem Sommer und meiner Mutter verbunden, die mit Dir ihrer Back- und Dessertkreativität und ihrer Experimentierfreude freien Lauf lassen konnte. Sie zauberte aus Dir allerhand Köstlichkeiten, von denen wir erwachsene Kinder einige bis heute gerne in unsere eigenen Vorratsschränke von zuhause mitnehmen und die auch von meinen eigenen Kindern geliebt werden. Wie z.B. Dein leckerer, eingekochter Saft – pur oder vermischt mit anderen Gartenfrüchten der Saison — wie ihn nur meine Mutter herstellen kann, und der als „Oma-Ina-Saft“ über die Familiengrenzen hinaus bekannt ist. Ohnegleichen auch die köstlichen Gelees mit den einmalig, kreativen Aufschriften „JoHim“, „JoGem“ oder „JoPur“.
Eine besondere Liebesgabe meiner Mutter sind die kleinen mit dir gefüllten, eingemachten Gläschen, die sie mir bereits in der Studentinnenzeit mitgegeben hat. Die esse ich ganz alleine in besonderen Stunden, wenn ich Trost brauche, mich nach der Mosel sehne oder im Weltschmerz versinke. Dein Geruch und Geschmack ruft mir dann all das in Erinnerung, was ich hier aufgeschrieben habe und ich denke an die glücklichen Sommer meiner Kindheit und weiß, dass ich immer geliebt worden bin.
Foto: Michał Robak/pexels