gelöst und ver­wan­delt

von Raphael Schlecht

gelöst und ver­wan­delt

von Raphael Schlecht

Ich gera­te schon mal ger­ne in anstren­gen­de Dis­kus­sio­nen hin­ein. Vor eini­ger Zeit zum Bei­spiel waren mei­ne Frau und ich bei der Geburts­tags­fei­er eines Kum­pels. Vie­le Leu­te kann­te ich gar nicht, aber ein Typ fiel mir gleich auf: die Kom­men­ta­re, die er so in die Run­de warf, waren völ­lig über­zo­gen. Und das sah nicht nur ich so, auch vie­le ande­re Gäs­te waren sicht­lich vor den Kopf gesto­ßen. Er aber schien sich in der Rol­le des Pro­vo­ka­teurs zu gefal­len. In einem Zwei­er-Gespräch hät­te ich es dar­um gar nicht erst zur Dis­kus­si­on kom­men las­sen. In der gro­ßen Run­de aber konn­ten ich und auch die Ande­re das Gan­ze so nicht ste­hen las­sen.


Wie erwar­tet war die Dis­kus­si­on dann auch wenig gewinn­brin­gend. Der Wahr­heit sind wir auf jeden Fall nicht näher­ge­kom­men. Ein wenig hat­te auch die Fei­er dar­un­ter gelit­ten – als er sich irgend­wann ver­ab­schie­de­te, waren nur noch mei­ne Frau und ich sowie das Gast­ge­ber­paar anwe­send. Die Frau mei­nes Kum­pels hat­te sich sogar zwi­schen­zeit­lich in ihr Zim­mer zurück­ge­zo­gen, weil sie die Situa­ti­on so nerv­te.

Wir waren alle emo­tio­nal auf­ge­wühlt. Und eigent­lich war nun der pas­sen­de Moment, sich im Nach­hin­ein zu viert über besag­te Per­son aus­zu­las­sen. Mir lag auch schon eini­ges auf der Zun­ge. Statt­des­sen griff mein Kum­pel nach sei­ner Gitar­re und schlug vor, zum Abschluss noch etwas zu sin­gen. Bei unse­rem letz­ten Tref­fen
hat­ten wir bei­de ein wenig gejammt, was sich ganz gut ange­hört hat­te. Trotz­dem war ich über­rascht.

Ich weiß nicht mehr, von wem der Vor­schlag kam – auf jeden Fall san­gen wir dann „Gute Nacht Freun­de“ von Rein­hard Mey. Das Lied ist ein klas­si­scher „Raus­schmeis­ser“, also etwas, das immer zum Schluss gespielt wird. Weil wir sowie­so danach gehen woll­ten, pass­te das ganz gut. Als wir in der zwei­ten Stro­phe dann san­gen „habt Dank für die Zeit, die ich mit euch ver­plau­dert hab und für eure Geduld, wenn’s mehr als eine Mei­nung gab“, muss­te jeder von uns Grin­sen: Mehr als eine Mei­nung hat­te es tat­säch­lich gege­ben. Und viel Geduld wur­de an die­sem Abend auch auf­ge­bracht. Es war wich­tig, das noch ein­mal so zu benen­nen, sonst wäre es unaus­ge­spro­chen im Raum gestan­den. Damit war die Sache dann aber auch erle­digt. Wir lie­ßen uns von dem Vor­ge­fal­le­nen nicht wei­ter run­ter­zie­hen und wärm­ten die Dis­kus­si­on nicht noch ein­mal unnö­tig auf. Wir stan­den dar­über, weil wir den Vor­fall ein­ge­wo­ben hat­ten in ein Lied über Freund­schaft und letzt­lich auch in unse­re Freund­schaft. Da war er gut auf­ge­ho­ben und auch rela­ti­viert, denn wir merk­ten, dass die­se Freund­schaft noch weit­aus Schö­ne­res beinhal­tet als gemein­sam über­stan­de­ne Dis­kus­sio­nen mit unbe­lehr­ba­ren Gäs­ten.

Als wir uns ver­ab­schie­det hat­ten und Anna und ich die paar Meter zu unse­rer Woh­nung lie­fen, war ich noch immer völ­lig gelöst und ver­wan­delt.

Foto: pix­a­bay/pexels