Runde um den Block
von Raphael Schlecht
Runde um den Block
von Raphael Schlecht
Letztens hat mir nach einem anstrengenden Arbeitstag im Homeoffice der Schädel geraucht. Ich habe bis zum Anschlag gearbeitet und war danach völlig KO. Dann abzuschalten, fällt mir manchmal gar nicht leicht. Ich habe eben nicht immer das passende Buch oder die Serie, auf die ich mich schon den ganzen Tag lang freue. Auch zum Meditieren oder Beten fehlt mir abends manchmal einfach die Kraft und die Motivation. Oft läuft es dann darauf hinaus, dass ich krampfhaft auf der Suche nach Entspannung bin, anstatt wirklich zu entspannen.
Nach meinem anstrengenden Homeoffice-Tag habe ich dann aber auf etwas zurückgegriffen, das ich schon fast vergessen hatte: Ich war vor dem Schlafengehen noch einmal draußen und bin eine Runde um den Block gelaufen. Nicht weit, vielleicht ein paar Straßenzüge lang. Während der Pandemie habe ich das abends immer gemacht und auch dieses Mal hat es mir geholfen. Es tat gut, noch einmal rauszukommen, die klare kalte Nachtluft einzuatmen und sich ein wenig zu bewegen. Mit jedem Meter, den ich mich dabei von unserer Wohnung entfernt habe, bekam ich mehr Distanz zu dem, was ich tagsüber alles vor der Brust hatte. Von außen habe ich in beleuchtete Fenster geschaut, wie der personifizierte Mond aus den Kinderliedern — so als hätte ich mit den Menschen, mit ihrem Alltag und ihren Sorgen nur entfernt etwas zu tun. Für den Moment war ich ganz bei mir und ganz in der Gegenwart. Mantel und Schal hielten mich warm und das Einzige, was ich tun musste, war ein Schritt vor den anderen zu setzen.
Es ging dann auch nicht ewig. Auf halber Strecke freute ich mich auch schon wieder darauf innerhalb der beleuchteten Fenster und in meinem Bett zu sein. Ich hatte unterwegs nicht viel erlebt, aber genug um gelöst und entspannt wieder daheim über die Türschwelle zu treten. Für 15 Minuten war ich mal kurz raus gewesen, nicht nur mit den Füßen, sondern auch mit dem Kopf. Kein Buch und keine Serie hätten das an diesem Abend vermocht. Selbst die schönsten Abendgebetsworte, selbst die intensivste Meditation hätten mich wohl nicht so zur Ruhe gebracht, wie diese kleine Runde um den Block.