Letzte Lektion

Vor einigen Wochen mussten meine Frau und ich unseren Hund einschläfern lassen. Der Tumor am Bein, den wir schon zweimal operieren ließen, wuchs immer schneller.  Sicher keine leichte Entscheidung, aber eine Entscheidung, die wir mit dem Einzug des Hundes „mitgebucht“ hatten. Die Tierärztin kam zum Hausbesuch, gewohnte Umgebung und die Katzen waren dabei. Es war ein trauriger, schöner – ein runder – Tag. Nach zehn Jahren Abschied von einem guten Freund.

Womit ich nicht gerechnet hatte: Das mir der Freund in seinem Sterben noch eine gute Lektion erteilt. Da ich auf Twitter auch immer wieder das Wachstum des Tumors gezeigt habe, ließ ich meine Follower auch an diesem Tag teilhaben. Abgesehen von viel Zuspruch bekam ich von zwei verschiedenen Menschen eine ähnliche, eine besondere Rückmeldung. Es sei sehr bewegend, wie ich diesen Tag anginge, weil das Wohl des Hundes und mein Respekt vor ihm mehr im Mittelpunkt stünden als meine Gefühle.

Diese Rückmeldungen haben etwas in mir ausgelöst, was ich nicht direkt fassen konnte. Irgendwas mit meinem  Diakon-Sein. Zusammensetzen konnte ich es erst bei der Predigtvorbereitung für die darauffolgende Woche. Mir fiel dann eine alte Kirchenordnung ein, die wir kurz vor der Weihe bekommen hatten. Dort wurden die wichtigsten Aufgaben der dortigen Diakone beschrieben. Eine zentrale Aufgabe war es, täglich den Strand nach ertrunkenen, angeschwemmten Seeleuten abzusuchen und diese würdevoll zu bestatten. In meiner Vorstellung gehört dazu auch das Waschen und ordentliche Ankleiden dieser Körper. Ein Liebesdienst ohne zu wissen, wer der tote Mensch war. Respekt und Würde erweisen, egal ob Sklave, Arbeiter, Herr oder Verbrecher. Zu den Lesungstexten gehörte 1 Joh 3, 18: „Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit.“ „In Tat und in Wahrheit lieben.“ Das war das, was diese Kirchenordnung den Diakonen als Aufgabe mit den toten Seeleuten gab. Das war das, was die beiden Menschen wahr genommen hatten an meinem  Umgang mit dem Hund. Und mir wurde klar, dass mit diesen Worten „In Tat und in Wahrheit lieben“ für mich eine Suche zu Ende gegangen war. Eine Suche, die in den 18 Monaten seit der Weihe unterbewusst präsent gewesen war. Die Suche nach der Antwort auf die für mich wichtige Frage:“ Wie will ich mein Diakon-Sein eigentlich ausrichten? Was soll mein Motiv sein?“

„In Tat und in Wahrheit lieben.“  – Ginge übrigens auch ohne Weihe.

Photo by Casey Horner/Unsplash

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